Der achtsame Punsch...

5. Dezember

„Gerüche sind die Poesie der Luft.“
frei nach Jean-Baptiste Grenouille (Patrick Süskind, Das Parfum)

ODER

„Manchmal ist achtsames Trinken einfach: weniger Eile, mehr Freude – und vielleicht ein, zwei Kekse dazu.“
frei nach einer Teeweisheit

Ah, der erste Schluck – heiß, süß, würzig. Weihnachtsgeschmack und Weihnachtsduft. Zimt küsst Nelke, Orange flirtet mit Rotwein. Die prachtvollen Kiachl mit Sauerkraut am Nebenstand...
Kurz: Dein Geruchssinn macht Party. Die italienische Reisegruppe am Christkindlmarkt macht dir gaaaar nichts aus.

 

Mini-Aufgabe:
Trink heute einen Tee, Punsch oder köstlichen Glühwein mit voller Aufmerksamkeit. Kein Smalltalk, kein E-Mail-Check währenddessen. Kein TikTok oder snapchat. Nur trinken, riechen, lächeln. Leg dabei deine Wahrnehmung immer wieder auf den Duft deines Getränkes. Vielleicht schließt du kurz die Augen, um weniger abgelenkt zu sein. 
Wenn du kleckerst – Gratulation, du bist echt im Moment. Du hast die Augen wohl etwas zu lange geschlossen gehalten ;-)

Du kannst die Übung zuhause machen, aber auch auf der Christkindlmarkt ist gut dafür geeignet. Wenn du die Übung ungern alleinr machst, kannst du dir ja ÜbungspartnerInnen suchen.

 

Affirmation:
„Ich atme ein, ich atme aus, ich rieche den Weihnachtsduft.“

 

Wissenschaftlich gesehen:
Gerüche haben eine Direktleitung ins limbische System (Herz & Engen, 1996).
Deshalb kann dich Punschduft in Sekunden in deine Kindheit katapultieren.
Ein Atemzug Weihnachtsaroma aktiviert Glückszentren im Gehirn (Gottfried, 2002).
Kurz gesagt: Neurowellness.

 

Ausführlicher:

Gerüche sind der direkteste Weg zu unseren Emotionen. Anders als andere Sinnesreize gelangen Duftmoleküle ohne Umweg über den Thalamus direkt ins limbische System – genauer in Amygdala und Hippocampus, wo Erinnerungen und Gefühle verarbeitet werden. Diese enge neuronale Verbindung erklärt, warum ein einziger Duft uns in Sekunden in Kindheitstage oder vertraute Situationen zurückversetzen kann (Herz & Engen, 1996).

In bildgebenden Studien zeigte Gottfried (2002), dass angenehme Düfte eine Aktivierung im orbitofrontalen Cortex hervorrufen, einem Areal, das mit Belohnung und Wohlbefinden assoziiert ist. Der Geruchssinn ist somit tief mit emotionaler Regulation und Gedächtnis verknüpft.

Wenn du also heute am Punsch riechst, trainierst du unbewusst dein emotionales Gedächtnis – du verknüpfst Achtsamkeit mit Geborgenheit. Ein sanfter, aromatischer Weg, dich im Moment zu verankern.

Quellen:
Gottfried, J. A. (2002). Neurophysiology of Smell: The Olfactory Pathway and Its Role in Emotion. Nature Reviews Neuroscience, 3(9), 715–725.
Herz, R. S., & Engen, T. (1996). Odor Memory: Review and Analysis.
Psychonomic Bulletin & Review, 3(3), 300–313.

 


Bonusübung:

Nimm dir einen Keks…

…oder ein Stück Schokolade, eine Nuss, ein Apfelstück – egal. Hauptsache: essbar und nicht lebendig.

Tu so, als hättest du das Ding noch nie gesehen.

Betrachte es wie ein neugieriger Alien auf Forschungsreise. Ist das ein Nahrungsmittel oder ein seltsam geformtes Mineral? Wunder dich ruhig ein wenig.

Riech daran, als wärst du ein Parfümtester.

Richtig tief einatmen. Mach ruhig ein dramatisches „Hmm!“ – niemand schaut zu (oder vielleicht doch?)

Jetzt kommt der Zeitlupenmoment:

Führe den Keks ultralangsam zum Mund. So langsam, dass du dir vorkommst wie in einer romantischen Filmszene, in der der Keks die Hauptrolle spielt.

Nimm einen MINI-Bissen.

Kaue seeeehr langsam. Als würdest du eine 15-sekündige Werbeszene für Genuss drehen. Spüre: Geschmack, Konsistenz, Geräusche.

Ja, Essen macht Geräusche! Und ja: du darfst schmunzeln – das gehört ausdrücklich dazu.

Atme durch und iss gern fröhlich noch einen Keks.